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Unklarheit über manche Dinge beim Unglück von Tschernobyl

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Schwabe

Leicht Verstrahlter
Leicht Verstrahlter

Beiträge: 2

Registriert: So 21. Okt 2018, 20:40

Beitrag Sa 27. Okt 2018, 19:57

Unklarheit über manche Dinge beim Unglück von Tschernobyl

Hallo zusammen,

ich beschäftige mich auf Laiennveau schon lange mit der Kerntechnik und den Unglücksfällen in deren Zusammenhang. Dabei bin ich des öfteren ins Grübeln geraten, weil ich oft keine plausible Erklärung habe bzw. finde.
Vorab: ich will mit meinen Fragen weder etwas leugnen, noch irgendwelche Verschwörungstheorien aufwerfen - trotzdem treiben mich folgende Sachverhalte um. Ich würde mich sehr freuen, von euch eine Stellungnahme zu bekommen.
1. Im Netz habe ich ein Video gesehen, das von einem Bewohner aus Pripyat am Tag nach der Katastrophe mit seiner privaten Kamera hat. Auf dem Video sind ständig helle Blitze zu sehen. Die Begründung für diese Blitze ist die vorliegende Strahlung - ich glaube es wurde hier von alpha-Teilchen gesprochen. Soweit klar. Warum sehe ich den selben Effekt nicht auch auf den Videos, die bei den aufräumarbeiten der Liquidatoren, insbesondere auf dem Reaktordach, gemacht wurden?
2. Zwei Reaktorblöcke blieben noch bis in die neunziger Jahre am Netz. Diese Reaktoren wurden sicherlich unter anderem auch von Kernphysikern betrieben, die sicherlich über mögliche Gefahren der Strahlung in Kenntnis sind. Wenn ich Kernphysik studiert hätte, würde ich nicht über Jahre hinweg in einer verstrahlten Gegend arbeiten. Kann es denn dann überhaupt sein, dass gesundheitsschädliche Strahlung vorliegt? Ich meine, kerntechnisch ausgebildetes Personal macht doch sowas nicht wirklich mit!?
3. Auf dem Reaktordach herrschte damals ja mitunter die höchste Strahlung. Die Liquidatoren durften nur wenige Sekunden bzw. Minuten dort arbeiten, weil die Strahlung zu hoch ist. Wenn ich mir die Skala für Strahlenkrankheit ansehe, dann ist bei 6 Gray mit 100 prozentiger sterberate zu rechnen. Selbst 2 bis 3 Gray haben noch eine Sterblichkeitsrate von 35 Prozent. Für mich als Laie stellt sich da schon die Frage: selbst ein offener Reaktor nach einer totalen Havarie führt zu Strahlenkrankheitsbilder von weniger als 10 Gray? Natürlich habe ich den Faktor Zeit recht naiv außen vor gelassen - trotzdem hätte ich gedacht, dass ein offener Reaktor mit offen liegenden Brennstäben beim Menschen zum sofortigen Strahlentod innerhalb weniger Minuten führt.
4. Ich hatte dieses Jahr die Möglichkeit eines unsere aktiven Kernkraftwerke im Rahmen einer persönlichen sonderführung zu besichtigen. Dabei sind wir auch über dem Abklingbecken, gefüllt mit Brennelementen gestanden. Mein Dosimeter hat nach der ganzen Aktion wenige microsievert angezeigt. Auch hier war ich verblüfft, dass lediglich das Wasser mich so sehr vor der Strahlung schützt. Sind denn Brennstäbe gar nicht so gefährlich?

Ich habe die Fragen bewusst etwas überspitzt und platt formuliert - ich hoffe das dies auch so rüber kommt. :)

Ich habe noch weitere Fragen, würde mich aber zuerst auf eure Antworten freuen!

Vielen Dank im Voraus und viele grüße!
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jsbid

Moderator
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Beiträge: 240

Registriert: Fr 26. Jul 2013, 07:42

Beitrag Mi 31. Okt 2018, 21:56

Re: Unklarheit über manche Dinge beim Unglück von Tschernoby

Schwabe hat geschrieben:Hallo zusammen,
ich beschäftige mich auf Laiennveau schon lange mit der Kerntechnik und den Unglücksfällen in deren Zusammenhang. Dabei bin ich des öfteren ins Grübeln geraten, weil ich oft keine plausible Erklärung habe bzw. finde.
Vorab: ich will mit meinen Fragen weder etwas leugnen, noch irgendwelche Verschwörungstheorien aufwerfen - trotzdem treiben mich folgende Sachverhalte um. Ich würde mich sehr freuen, von euch eine Stellungnahme zu bekommen.
1. Im Netz habe ich ein Video gesehen, das von einem Bewohner aus Pripyat am Tag nach der Katastrophe mit seiner privaten Kamera hat. Auf dem Video sind ständig helle Blitze zu sehen. Die Begründung für diese Blitze ist die vorliegende Strahlung - ich glaube es wurde hier von alpha-Teilchen gesprochen. Soweit klar. Warum sehe ich den selben Effekt nicht auch auf den Videos, die bei den aufräumarbeiten der Liquidatoren, insbesondere auf dem Reaktordach, gemacht wurden?


Es gibt mehrere solche Videos. Wenn das von Dir erwaehnte das ist, bei dem ein Passant
zwei "Offizielle" in Gummiklamotten trifft, so habe ich mich hier schon Aehnliches gefragt.
Hier sind ja wirklich Blitze zu sehen. Ein einzelnes Teilchen wird nicht in der Lage sein,
einen Blitz auszuloesen - ausser, es kommen irgendwelche Lawineneffekte wie in GMZ
oder Quantenmultipliern zum Tragen. Ob das bei Filmmaterial moeglich ist, weiss ich nicht.

Anders ist es bei den Videos im Sarkophag. Hier sieht man keine Blitze sondern eher einen
Rauschteppich. Das ist fuer mich plausibel.

Was funktioniert: Bei CCDs die Schutzschicht entfernen und dann mit einem Alpha-Strahler
draufhalten. Gibt ganz aehnliche Blitz-Effekte. Oder in ein Spinthariskop schauen. Aber CCDs
werden wohl 86 in der SU nicht im Einsatz gewesen sein...

2. Zwei Reaktorblöcke blieben noch bis in die neunziger Jahre am Netz. Diese Reaktoren wurden sicherlich unter anderem auch von Kernphysikern betrieben, die sicherlich über mögliche Gefahren der Strahlung in Kenntnis sind.


Die Reaktoren wurden von Reaktorfahrern betrieben. Ich weiss nicht wieviele Kernphysiker
es im AKW gab. Wenn ueberhaupt, dann vermutlich weniger als eine Handvoll - und die
haben sicher nicht den Reaktor betrieben. Ich denke auch, dass in den Spaet-80ern und
gerade in der SU eine ganz andere Mentalitaet geherrscht hat. Da gabs kein google und
kein Wikipedia und schon gar keine aufpeitschende Presse.
Strahlung ist nicht schlimm und wenn man doch mal meint, zuviel erwischt zu haben, dann
gibts halt 'nen Schoppen Wodka extra ;-).

Ansonsten wurde der Laden natuerlich dekontaminiert. Noch heute sind viele der unendlich
vielen Treppen und Gaenge in der 2. Stufe mit einem leicht abwaschbaren Bezug versehen
(aehnlich, wie man ihn in einigen anderen Gebaeuden der Zone antrifft). Und ebenfalls gibts
heute fuer Besuche in Block 4 immernoch eine Atemmaske. Erhoehte Strahlung konnte ich
auf ihr nach einer Stunde allerdings nicht messen. Ist vmtl. mehr Show- bzw. Haftungs-Zirkus
als alles andere...

Hier spielt auch sicher die Tatsache eine Rolle, dass der meisste Dreck nach Norden bzw.
Westen geweht wurde. Das "restliche" AKW liegt aber oestlich des Block 4.

Ironischerweise lief auch just der Zwillingsblock der zweiten Stufe (also Block 3) am laengsten.

Wenn ich Kernphysik studiert hätte, würde ich nicht über Jahre hinweg in einer verstrahlten Gegend arbeiten.

Vielleicht gerade dann erst recht? Definiere "verstrahlt". Wenn Du verlaessliche Messgeraete
hast und auch damit umgehen und deren Werte richtig interpretieren kannst, weisst Du wenigstens,
worauf Du Dich einlaesst. Dort bewegst Du Dich kontrolliert und fuer bestimmte Zeit. Du sollst
ja nicht in Pripjat wohnen...

3. Auf dem Reaktordach herrschte damals ja mitunter die höchste Strahlung. Die Liquidatoren durften nur wenige Sekunden bzw. Minuten dort arbeiten, weil die Strahlung zu hoch ist. Wenn ich mir die Skala für Strahlenkrankheit ansehe, dann ist bei 6 Gray mit 100 prozentiger sterberate zu rechnen. Selbst 2 bis 3 Gray haben noch eine Sterblichkeitsrate von 35 Prozent. Für mich als Laie stellt sich da schon die Frage: selbst ein offener Reaktor nach einer totalen Havarie führt zu Strahlenkrankheitsbilder von weniger als 10 Gray? Natürlich habe ich den Faktor Zeit recht naiv außen vor gelassen - trotzdem hätte ich gedacht, dass ein offener Reaktor mit offen liegenden Brennstäben beim Menschen zum sofortigen Strahlentod innerhalb weniger Minuten führt.

Nun, es sind ja wohl auch wirklich welche dran gestorben ;-). Als die Liquidatoren (Tage spaeter!)
auf dem Dach rumgeturnt sind, war ja vom Reaktor nimmer viel uebrig. Das meiste lag viele Meter
tief, z.T. schon abgedeckt mit dem ganzen Material was von den Hubschraubern hineingeworfen
wurde. Die Dach-Liquidatoren waren wohl hauptsaechlich der Strahlung der Ueberreste auf dem
Dach ausgesetzt; von einem Reaktor kann hier wohl kaum die Rede sein ;-).

4. Ich hatte dieses Jahr die Möglichkeit eines unsere aktiven Kernkraftwerke im Rahmen einer persönlichen sonderführung zu besichtigen. Dabei sind wir auch über dem Abklingbecken, gefüllt mit Brennelementen gestanden. Mein Dosimeter hat nach der ganzen Aktion wenige microsievert angezeigt. Auch hier war ich verblüfft, dass lediglich das Wasser mich so sehr vor der Strahlung schützt. Sind denn Brennstäbe gar nicht so gefährlich?

Wie Du siehst: Unter Wasser (oder anders ausreichend abgeschirmt) nicht. Ausserdem sind
die Brennstaebe dort ja auch schon am abklingen. Die Aktivitaet laesst ja angenaehert mit einer
e-Funktion nach...

Wenn Du aber meinst, den Respekt vor den Dingern verloren zu haben, dann kannst Du Dir ja
mal in der Zone den Spass machen, altes Reaktorinventar auszugraben. Irgendwann landest
Du dann bei einem stecknadelkopfgrossen Kruemel, der Deinen Zaehler in schwindelerregende
Hoehen treibt. Und das alles nach 30 Jahren...
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Schwabe

Leicht Verstrahlter
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Beiträge: 2

Registriert: So 21. Okt 2018, 20:40

Beitrag Do 1. Nov 2018, 00:17

Re: Unklarheit über manche Dinge beim Unglück von Tschernoby

Hallo zusammen,
Vielen Dank für die Antwort!
Nein, ich will das Thema Strahlung keinesfalls unterschätzen - deshalb wende ich mich ja an euch.

Ich melde mich die Tage nochmals zu dem Thema!

Danke und viele Grüße!

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