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Sowjetisches Krisenmanagement

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Sickranium

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Zonenbewohner
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Beitrag Sa 16. Nov 2013, 08:55

Sowjetisches Krisenmanagement

jsbid hat geschrieben:
asafschnuff hat geschrieben:Wobei aus meiner Sicht ,eher die Fehler ,im Nachgang ,seitens der typisch sowjetischen Genossen gemacht wurden.
Hmm, die sowjetischen Genossen (nein, ich bin weiss Gott kein Fan von ihnen) mussten immerhin mit den Folgen eines explodierten und ueber Tage brennenden Reaktors fertig werden; und das haben sie, mit zugegebenermassen radikal anmutenden Mitteln, doch in ertraeglicher Zeit ganz ordentlich hinbekommen. Wenn ich sehe, dass die Japsen nach 2,5 Jahren und unter weitaus harmloseren Bedingungen, immer noch genaus planlos herumbloedeln wie am ersten Tag, kann ich mich einer gewissen Hochachtung den Sowjets gegenueber nicht erwehren. Gut, die haben sich auch ihre Dinger geleistet, wie z.B. im Rahmen des Jahrzehnte waehrenden Dauer-GAUs Majak, aber mit Tschornobyl sind sie doch ganz gut fertig geworden...


Ich hoffe, wir schaffen es auch bei diesem hitzigen Thema, einen ruhigen und sachlichen Diskussionston zu wahren.
Nachdem dieses Thema immer mal wieder zwischen den Zeilen aufflackert, fand ich, es hätte einen eigenen Thread verdient.
Kritik am Krisenmanagement der damaligen Führungsriege gibt's ja zuhauf. Größtenteils natürlich aus dem Westen.
Ich für mein Teil seh das ähnlich wie jsbid: die Mittel mögen radikal und unmenschlich wirken, aber effektiv waren die Sowjets damals im Kampf gegen den offenen Reaktor, das muss man ihnen lassen. Ob irgend ein anderes Land so gut mit einer derartigen Krise fertiggeworden wäre, müsste erst mal jemand beweisen. Japan ist da momentan das beste Beispiel.
Außerdem: Vorschläge, wie man es denn besser hätte machen können, sind unter den ganzen Vorwürfen freilich dünn gesät. Es wird sich gern ereifert über die Unmenschlichkeit, Menschen auf Kosten ihrer Gesundheit zu Aufräumarbeiten ins Krisengebiet zu schicken, aber die Info, wie die funktionierende Alternative aussehen hätte sollen, wird dabei gern unterschlagen...

Wie seht ihr das?
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som3e

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Beitrag Sa 16. Nov 2013, 13:10

Re: Sowjetisches Krisenmanagement

Sickranium hat geschrieben:
Wie seht ihr das?


Um es gaaaanz einfach zu machen: Marschal Zhukow hat damals auf Befehl von Stalin alles was die SU hergab nach Stalingrad befördert. Dann hat er vor Augen anderer, Soldaten erschießen lassen damit es auch jedem klar wurde worum es geht.. Das hat gesessen wie man`s im nachhinein weiss... Regimes haben Vor und Nachteile. Für die Zeit hätten es die Sowjets nicht anders machen können. Ist es aber aus der heutigen Sicht eine stolze Leistung? Fragllich..

General Tarakanow hatte im Rücken das gesamte Politbüro und vor ihm sämtliche Armeen zur Verfügung. Ein Schlag auf dem Tisch, oder gar nur ein böser Blick und schwups - die Zone war voll von nichts ahnenden und zum größten Teil überflüssigen Soldaten und Partisanen. Die aller entscheidende Phase hat sich im Mai/Juni 86 abgespielt, hier hätte man alles einwenig humaner koordinieren können anstatt mit Kanonenfutter den Reaktor zu stopfen. Auch wenn der Bau des Sarkophags einen Jahr länger gedauert hätte..
Abgesehen davon, eine beachtliche Leistung in einer noch nie dagewesenen Situation, gar keine Frage. Die damalige Situation mit der heutigen in Fukushima zu vergleichen ist pure Zeitverschwendung. IMHO.
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Rubelkoenig

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Beitrag So 17. Nov 2013, 19:37

Re: Sowjetisches Krisenmanagement

Naja, zwiespältig. Einerseits hat der Einsatz der "Bioroboter" Millionen Menschen in ganz Europa das Leben gerettet. Wer weiß wie es gekommen wäre, hätte man den Reaktor erst ein Jahr später abgedeckt. Da wäre einiges mehr an radioaktiven Material verteilt worden. Sicherlich hätte man das damals besser koordinieren können, aber man hatte noch nie eine damit vergleichbare Situation. Man wusste noch nicht genau, was dieser Unfall genau bedeuten wird. Und je schneller der Reaktor versiegelt war, um so schneller geht das normale Leben weiter, dachte man sich. Außerdem: Die Liquidatoren waren zwar unausgebildet, aber effektiv. Mag jetzt inhuman klingen, aber wer hätte denn die Drecksarbeit gemacht, wenn er weiß, dass er wahrscheinlich ein halbes Jahr später an der Strahlenkrankheit, Krebs oder sonstetwas stirbt oder sein Leben lang behindert sein würde. Die Sowjets haben sowieso noch eine ganz andere Auffassung von Vaterlandsliebe als in vielen anderen Staaten der Erde, besonders der BRD, die Sowjets waren oftmals Patrioten, die für ihr Vaterland ihr Leben lassen würden. Die Liquidatoren, die heute noch Leben, sagen, sie seien trotzdem stolz auf sich selbst und dass sie diese Leistung vollbracht haben, trotz der hohen Gefahr, sie haben Menschenleben gerettet, auch wenn ihr Leben für immer ruiniert sein mag. Und das bewundere ich einfach sehr.
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som3e

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Beitrag So 17. Nov 2013, 22:56

Re: Sowjetisches Krisenmanagement

Rubelkoenig hat geschrieben:Naja, zwiespältig. Einerseits hat der Einsatz der "Bioroboter" Millionen Menschen in ganz Europa das Leben gerettet. Wer weiß wie es gekommen wäre, hätte man den Reaktor erst ein Jahr später abgedeckt. Da wäre einiges mehr an radioaktiven Material verteilt worden.


Die Aufräumaktion auf dem Dach des dritten Reaktorblocks hat mit dem Reaktorbrand nichts zutun. Die Radioaktivität die damals Europa erreicht hat kam infolge des Brandes. Dieser war nach ca 10 Tagen vorbei. Selbst den Hubschraubereinsatz könnte man in Frage stellen. Aber hinterher weiss man immer mehr..
Denjenigen, die von der obersten Stelle aus sicherer Entfernung die Befehle gaben, ging es zum allergrössten Teil um die Rettung des Image...


Rubelkoenig hat geschrieben: Sicherlich hätte man das damals besser koordinieren können, aber man hatte noch nie eine damit vergleichbare Situation. Man wusste noch nicht genau, was dieser Unfall genau bedeuten wird. Und je schneller der Reaktor versiegelt war, um so schneller geht das normale Leben weiter, dachte man sich. Außerdem: Die Liquidatoren waren zwar unausgebildet, aber effektiv. Mag jetzt inhuman klingen, aber wer hätte denn die Drecksarbeit gemacht, wenn er weiß, dass er wahrscheinlich ein halbes Jahr später an der Strahlenkrankheit, Krebs oder sonstetwas stirbt oder sein Leben lang behindert sein würde.


Derjenige der als Projektleiter für Sarkophagbau zuständig war, nahm sich zwei Jahre später das Leben, ausgerechnet am 26. April.
Es gab auch damals Expertenmeinungen die weit entfernt von dem waren was letztenendes vor Ort geschah. Die Befehle kamen oft von Leuten die überhaupt gar keine Ahnung hatten.
Leiter Legasow selbst war kein wirklicher RBMK Kenner...

Rubelkoenig hat geschrieben: Die Sowjets haben sowieso noch eine ganz andere Auffassung von Vaterlandsliebe als in vielen anderen Staaten der Erde, besonders der BRD, die Sowjets waren oftmals Patrioten, die für ihr Vaterland ihr Leben lassen würden. Die Liquidatoren, die heute noch Leben, sagen, sie seien trotzdem stolz auf sich selbst und dass sie diese Leistung vollbracht haben, trotz der hohen Gefahr, sie haben Menschenleben gerettet, auch wenn ihr Leben für immer ruiniert sein mag. Und das bewundere ich einfach sehr.


Es gab diese und diese. Enthusiasten, wahre Patrioten und einfach Unwissende, aber auch die, die wegen der Kohle hingegangen sind. Oder sich ein warmes Plätzchen im sauberen Tschernobyl verschafft haben und immer noch ordentlich Rente kassieren und dabei allen erzählen sie wären die Retter der Welt...
Die wenigen die richtig Plan hatten und gleichzeitig merkten das sie unersetzbar waren und trotz des vollen Risikobewusstseins dort blieben - das sind für mich die wahren Helden.
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Sickranium

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Beitrag Di 19. Nov 2013, 17:34

Re: Neuvorstellungen

asafschnuff hat geschrieben:Nun ich bin mir nicht sicher ob die mir bekannten Tatsachen wirklich so geschehen sind...... Bitte um Korrektur wenn es jemand besser weiß.
Meine Vorwürfe werden z.B. Laut wenn es um die viel zu späte Evakuierung der umliegenden Dörfer geht. Hier hat die
Sowjetische Zuständigkeit um den schönen Schein zu waren mit Menschenleben bezahlt. Das war möglicherweise ein Fehler mit der größten Tragweite. Von den Mai Feierlichkeiten in Kiew gar nicht zu reden.
Die Inkorporation von zahlreichen Radionukliden bei der Bevölkerung war absolut absehbar und vermeidbar,aus meiner Sicht.
Wenige Stunden nach der Explosion war das Radioaktive Jod in der Schilddrüse vieler Kinder angekommen.
Die Japaner haben ebenfalls alles so klein wie möglich geredet. Dennoch war im Umfeld des AKW noch bevor die Wasserstoffexplosion alles freisetzte jeder Einwohner evakuiert.

Wieso ist eine Feuerwehr ,speziell in einem Kernkraftwerk zuständig , ohne Messtechnik und geeigneter Ausrüstung am Unfallort tätig ?

Die Frage kann sich jeder selbst beantworten...... Mir geht es jedenfalls nicht in den Kopf wie z.b.2 Feuerwehrmänner derart kontaminiert werden können das sie wenige Stunden später Dank hunderter Sieverts sterben müssen.

Dazu kann ich ein Buch empfehlen: Tschernobyl - die Wahrheit von Vladimir Tschernoussenko. Meiner Meinung nach die detaillierteste verfügbare Dokumentation des fraglichen Abends und der Zeit danach. Bei der Lektüre versteht man mMn recht gut, wie lange es gedauert hat, bis man überhaupt begriffen hatte (geschweige denn sich eingestehen konnte), dass das Ding tatsächlich explodiert war und offen stand. Erste Meldungen gingen nur von einem Feuer im Bau aus.
Ich will das sowjetische System bestimmt nicht von jeglichen Fehlern vor und nach der Katastrophe freisprechen. Aber man sollte mMn nicht vergessen, wie lange es bei einem zentralisiert regierten Land dieser Größenordnung dauert, bis die notwendigen Informationen einmal in der Kommandozentrale eintreffen, dort die maßgeblichen Entscheidungen getroffen werden, und deren Durchführung organisiert werden kann. Allen Hindernissen zum Trotz hat es die Sowjetunion immerhin geschafft, innerhalb von 36 Stunden die komplette Logistik für die Evakuierung einer kompletten 50.000-Einwohner-Stadt auf die Beine zu stellen und sie durchzuziehen. In meiner Wahrnehmung ist das eine ziemliche Leistung....

//Oh, ich sehe grad, wo wir hier diskutieren. Vielleicht sollte man diese Beiträge in den Thread "Sowjetisches Krisenmanagement" verschieben. Sorry....

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