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Frohes Neues aus der Zone (Silvester 2016)

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Onkel Fritz

Leicht Verstrahlter
Leicht Verstrahlter

Beiträge: 8

Registriert: So 25. Dez 2016, 13:37

Beitrag Mi 28. Dez 2016, 22:18

Frohes Neues aus der Zone (Silvester 2016)

Ein Bericht über die Silvesterfeier 2016 in der Sperrzone von Tschernobyl


Teil 1



Frohes Neues aus der Zone
30. Dezember

Ich weiß nicht, ob die besten Sachen spontan passieren, eigentlich glaube ich nicht an solche Weisheiten, aber diesmal war es wirklich der Fall. Es war Ende Dezember letzten Jahres, der letzte Tag, oder besser gesagt Abend meines viertägigen legalen Aufenthaltes in der Sperrzone. Hinter mir lagen 1800 Kilometer langer Autofahrt von Deutschland über Polen in die Ukraine, bis zu meiner Heimatstadt Nischyn und dann noch einmal 250 Kilometer über Kiew nach Tschernobyl. Die vier Tage Zone waren etwas anderes als die letzten, unzähligen Trips nach Tschernobyl, viel individueller und persönlicher. Diesmal war ich ganz ohne Begleitung da, nur ich und mein langjähriger Freund, der aber auch gleichzeitig der offizielle Guide war. Ich halte nicht viel von Weihnachten, während meiner sowjetischen Kindheit gab es offiziell keine. Wie man so schön sagt: "was man nicht kennt kann man auch nicht vermissen" um es auf den Punkt zu bringen. Und doch hatte dieser Trip irgendeine Art weihnachtlichen Beigeschmacks. Die erst verregnete, dann später doch noch zum Glück verschneite Zone, die touristenleere Geisterstadt Pripjat, das AKW, dass ich ganz zufällig mit einem japanischen Fernsehteam zusammen betreten durfte, die Stadt Tschernobyl wie leergefegt, weil die meisten Zonenarbeiter bereits über die Festtage abgereist waren. All das hinterließ den Eindruck langsam aber sicher abnehmender Festtagshektik. Selbst im AKW wurde bereits die Heizung abgestellt, so dass einer von dem japanischen Kamerateam sich auf eisglatten Fliesen im "goldenen Korridor" auf die Nase legte.. Das Wetter nahm vom Tag zu Tag immer mehr winterliche Formen an und so zeigte das Thermometer am Tag meiner Abreise aus der Zone stolze minus 10 Grad. Die Straße war nur notdürftig vom Schnee geräumt und überhaupt nicht beleuchtet, so entschied ich mich bei der erst besten Möglichkeit halt zu machen um zu übernachten und am nächsten Tag im Hellen weiter nach Kiew zu fahren. Die Gelegenheit kam schneller als gedacht - Iwankowo, die nächst gelegene größere Provinzstadt liegt ca. 30 Kilometer von dem Kontrollpunkt in Dityatki entfernt..


"Das Gasthaus"


Die außerordentlich üppige Beleuchtung am Straßenrand deutete auf ein Hotel hin. Der urige Aushang "Das Gasthaus" lud buchstäblich zum Entspannen ein. Doch als ich die Tür öffnete hatte ich erst gedacht mich verirrt zu haben: wummernde Beats russischer Popmusik und angesoffene Hackfressen, die in mir leichte Assoziationen an russische Mafiafilmhelden der 90er Jahre weckten, machten keinen sonderlich gemütlichen Eindruck. Ein wenig Mut gefasst ging ich an die Theke, denn so wie es aussah, war es auch gleichzeitig die Rezeption. Die Thekenfrau erklärte mir, dass hier heute eine Firmenfeier wäre, aber sie hätten auch Zimmer frei. Ich checkte in ein sehr gemütliches, mit vielen Jagdtrophäen geschmücktes Zimmer ein, doch eins wurde mir schnell klar - dem Lärm kann man nur mit einer ordentlichen Portion Alkohol entgegenwirken. Ich ging runter und fragte nach einem Drink, welchen ich zu meinem Erstaunen ohne Entgelt bekam, als Entschädigung für die Lärmbelästigung, sozusagen. Mit jedem weiteren Drink passte ich mich der Kulisse mehr und mehr an. An meinen Ohren zogen Dieter Bohlen, Thomas Anders und wie sie damals alle hießen vorbei. "Wie in Pripjat", dachte ich mir, die Achtziger sind hier wohl auch für immer stehen geblieben.. So zogen sich noch einige Stunden und Drinks in die Länge, bis ich langsam aber sicher begann mir blöd vorzukommen, da die wenigen gebliebenen Gäste langsam merkten, dass ich nicht hierher gehöre. Als ich fast schon so weit war meinen komatösen Körper ins Zimmer zu befördern, öffnete sich die Eingangstür und der Raum füllte sich mit mehreren wettergemäß bekleideten Menschen, deren Rucksäcke grösser als sie selbst zu scheinen waren. Sie besetzten einen leeren Tisch neben an und bestellten zu trinken. Es schien so, als ob sie die Bedienung bereits kannten. Diese Entwicklung kam mir interessanter vor als alles was ich bisher an diesem Abend zu sehen bekam und ich blieb weiter an meinem Tisch sitzen. Es waren 3 Jungs und ein Mädel, alle um Mitte zwanzig. Deren Bekleidung und Ausrüstung weckte bei mir den Eindruck als ob sie etwas Großes vorhatten. Als ich zwischen den Fetzen der brummenden Musik das magische Wort "Zone" hörte, fühlte ich mich in meinen Befürchtungen bestätigt: Sie hatten definitiv etwas Großes vor! Ich blieb noch eine Weile sitzen bis in mir, zusammen mit der durch den Alkoholkonsum fallenden Hürde, die Neugier heranwuchs: beim nächsten Blickkontakt stand ich auf und ging rüber zu deren Tisch - "Mit dem kommenden Neuen!", sagte ich und setze mich auf einen freien Stuhl.

Der Plan

Sie wirkten sichtlich irritiert. Womöglich war das mein Camouflage Outfit, das sie nicht richtig einordnen konnten, denn das Tarnmuster war eindeutig nicht einem Jäger zuzuordnen. Der Alkohol half mir direkter zu wirken, ich stellte mich vor und erzählte kurz wo ich noch vor einigen Stunden war und dass ich zufällig mitgekriegt hätte um welches Thema es hier am Tisch ginge.. Blöderweise lockerte sich die Stimmung dadurch überhaupt nicht auf, aber ich blieb trotzdem sitzen und bestellte noch eine Runde. Die Runde kam und half. In solchen Situationen funktioniert es immer nach dem berühmten Nokia - Slogan: "connecting people". Genau.. Kurze Zeit später war das Eis vollständig gebrochen, als einer von Ihnen, draußen beim Rauchen, von ihrem gemeinsamen Vorhaben erzählte. Silvester 2016 sollte in der Zone gefeiert werden und sie würden auf ein Taxi warten, welches hier in Kürze eintreffen sollte.
- "Mutig", sagte ich nur,
- "mein Respekt, bei der Kälte", als im gleichen Augenblick mein mit Alkohol durchtränktes Hirn bereits eine Vision generierte. Ab dann ging es nur noch um die Zone. Im Gespräch stellte sich schnell heraus, dass wir sogar einige gemeinsame Bekannte haben. Ich bestellte eine weitere Runde und stellte zunehmend für mich fest an der Vision Gefallen gefunden zu haben. Irgendwann sagte ich einfach in die Runde:
- "Hey, ich komm mit, oder hat jemand etwas dagegen?"
Sie saßen da und sagten nichts. Dann meinte der eine halblaut:
- "Das Taxi muss mit bezahlt werden.."

Die Zone

Ein sichtlich in die Jahre gekommener Kleinbus schmieß uns nach einer halben Stunde Fahrt in völliger Dunkelheit raus und machte sich ungesund brummend davon. Alle machten sich an die Rucksäcke. Meiner war verdammt schwer, da ich nicht viel Proviant dabei hatte, dafür aber fast nur Alkohol, welchen ich mir zum doppelten Preis im Hotel besorgt hatte. Sie sagten, sie hätten für alle mehr als genug, mindestens für eine Woche, außerdem wären in der Zone noch einige Verstecke mit Proviant gesichert. Bei einem waren sich alle einig - genug Alkohol gibt es nie. Der Rucksack ließ sich nur mit fremder Hilfe anheben, dabei dachte ich mir - was solls, auch wenn wir damit nicht weit schaffen würden, spaßig wird´s so oder so.. Wir gingen lautlos in völliger Dunkelheit ca. eine halbe Stunde, bis der Vordermann plötzlich stoppte. Wir waren unmittelbar vor der Grenze zur Sperrzone. Die südwestliche Sperrzone wird durch einen Fluss umrandet - überquert man die Brücke - so ist man bereits drin. Das Problem dabei ist nur, dass diese Brücken so gut wie rund um die Uhr entweder von Bullen oder von Grenzsoldaten bewacht werden und zwar so, dass man die Gesetzeshüter nicht sieht. Denn eine saftige Strafe ist ein willkommener Nebenverdienst eines jeden ukrainischen Polizisten. Mit den Grenzsoldaten, die oftmals diese Gegend überwachen, sieht es ein wenig komplizierter aus. Damit nicht die ganze Gruppe ins offene Feuer läuft, teilt man sich auf: Jemand Erfahrenes schnappt sich ein Funkgerät und geht alleine aufklären - wenn keine Gefahr da ist, läuft der Rest einige Zeit später hinterher. Wenn etwas nicht stimmen sollte kriegt man es über Funkgerät mit und macht sich schnell aus dem Staub. Selbst wenn der Aufklärende geschnappt wird - versucht er es nach dem Aufklärungsgespräch mit den Bullen direkt noch einmal wieder. Diesmal hat es funktioniert - bei den Temperaturen können die Cops es nur im warmen Auto aushalten, der Sprit kostet aber Geld und der Staat hat keins. Das Schema geht rund auf und wir passieren ungestört die Brücke über den Fluss. Alles was hier an die Zone erinnert ist ein Kranelement das am Ende der Brücke die Fahrbahn für Autos unpassierbar macht. Ansonsten: You´re welcome! Ein kurzer Spaziergang führte uns direkt in das erste verlassene Dorf der Sperrzone - Martynowitschi. Oleg, der als erster in der Reihe ging, verkündete stolz:
- Kameraden, nun seid ihr außerhalb des Wirkungskreises der Gesetzeshüter!"
Mit anderen Worten sollte das heißen, dass man sich ab hier normal fühlen durfte, die größte Gefahr direkt am Anfang des Ausfluges erwischt zu werden sei gebannt. Man war sichtlich erleichtert. Kein ständiges Umdrehen mehr, kein Hineinhorchen in die Stille der Nacht, keine schnellen Durchläufe über die gut sichtbaren freien Stellen. Ich hatte wieder dieses seltsame Gefühl wie jedes Mal beim Betreten der Zone - das Gefühl daheim zu sein. Der Mond schien mit voller Wucht auf den knirschenden Schnee, der Himmel war sternenklar und nichts was man sonst aus der Zivilisation kannte, hatte hier irgendeine Bedeutung mehr. Bis auf den Rucksack. Das verdammte Ding auf dem Rücken geschnallt, schien mittlerweile mit jedem Schritt immer schwerer zu werden. So kam ich auf die grandiose Idee in einem Viehstall einer ehemaligen Kolchose halt zu machen um sich mit Alkohol zu wärmen und somit etwas Gewicht zu reduzieren. Ohne Rucksack kam ich mir eine Weile wie Neil Armstrong bei der Mondlandung vor. Das Ding muss an die 30 Kilo gewogen haben, wovon das Meiste der Alkohol ausmachte. Nach einer Tasse heißen Tees mit Jägermeister und einigen Schlücken Schnaps ging es dann weiter in Richtung Dorf Dibrowa. Ein Drittel des Weges war bereits geschafft. In Dibrowa gibt es einen bewachten Kontrollpunkt den man über Feld umgehen muss. Die weit entfernten Lichter des KP's waren das einzige bis dahin gesichtete Zeichen der Zivilisation, alles andere erstarrte wie gelähmt im nächtlichen Frost, nur die Spiegelung des Mondes in den zerbrochenen Scheiben verlassener Häuser jagte mir ungewohnt Schauer über den Rücken. Nein, hier ist niemand, sagte ich mir. Niemand der das Licht im Haus brennen lassen haben könnte. Wir waren raus aus Dibrowa in Richtung Lubjanka. Oleg ging ein paar Schritte voraus, der Rest der Truppe hinter mir. Plötzlich war der Weg vor uns durch eine Schranke versperrt. So ähnlich wie diese Försterschranken im Wald, um die Durchfahrt mit dem Auto unmöglich zu machen. Oleg umging die Schranke und verschwand mit lautem Fluchen buchstäblich unter die Erde. Es war eine offene Kanalisationsluke. Ich half ihm daraus, zum Glück war bis auf kleine Prellungen am Knie nichts passiert. Wir machten einen kurzen Halt und gingen weiter. Wenige hundert Meter vor den ersten Häusern des Dorfes hielt Oleg plötzlich an und gab ein lautes "Sschhh" von sich. Alle erstarrten. Man hörte ein weit entferntes Hundegebell. Es waren mehr als drei und es deutete auf die Anwesenheit von Menschen hin. Das Gebell schien immer näher zu kommen. Wir lehnten uns mit den schweren Rucksäcken an einen Stapel Baumstämme und warteten. Instinktiv suchte meine Hand das Griffteil meines Jagdmessers unter der Jacke. Es gab mir ein befriedigendes Gefühl. Als das Hundegebell sich wieder langsam entfernte und komplett verstummte, gingen wir weiter.. Lubjanka zog sich unendlich in die Länge, so dass ich eine Zeit lang das Gefühl hatte es würde nie aufhören. Auf der Hauptstraße waren frische Spuren von Autoreifen zu sehen.. Vielleicht waren es Touristen, doch eher die Bullen, die die größeren Dörfer in regelmäßigen Abständen anfuhren. Ab Lubjanka ging es weiter Richtung Bowysche. Diese wirklich gottverlassene Ortschaft ein Dorf zu nennen ist wirklich gewagt - ein Paar alte Holzhäuser im Wald verstreut, das war´s eigentlich. Aber genau an diesem Ort durfte man sich total ungestört fühlen, denn selbst wenn jemand auf die bescheuerte Idee käme hierher zu kommen, wäre bei weitem nicht jeder dazu in der Lage, hatte man mir vorher zugesichert. Als der halbwegs passierbare Weg vor uns plötzlich aufhörte, verstand ich den wirklichen Sinn dieser Aussage. Ab hier ging es durch dichtestes Gestrüpp, umgestürzte Bäume in Schnee und Eis noch mindestens fünf Kilometer weiter. Die Last des Rucksacks war unter solchen Bedingungen wesentlich deutlicher zu spüren. Die kurzen Halts nutzte man um eine Weile nach vorne gebeugt zu stehen, denn den Rucksack absetzen bedeutete wieder aufsetzen, und das gelang keinem von uns mehr so richtig. Diesmal ging Arthur mit seinem GPS gesteuerten IPhone vor uns. Ohne den genauen Punkt auf der GPS Karte zu haben würde nicht mal er das Haus wiederfinden, obwohl er schon mehrere Male dort war. Mir platzte langsam der Kragen und ich fragte ihn ungeduldig wann wir ankommen würden. Er antwortete trocken: - Nie.


31.Dezember
Our Haus

Ich ging einfach hinter ihm her und verkniff mir dumme Fragen zu stellen. Das Wort "nie" zeigte seine Wirkung. Die vereisten Äste schlugen ins Gesicht, der im kalten Lampenlicht schimmernde Schnee generierte langsam aber sicher nervende Halluzinationen, man rutschte aus, stand, über den Rucksack laut fluchend, mit Hilfe anderer wieder auf und setzte den leidvollen Weg weiter fort. Irgendwann kam endlich eine Lichtung. Es war halb vier nachts und wir waren in Bowysche angekommen. Selbst Arthur konnte die Freude kaum verbergen. Mit einer zittrigen Stimme sagte er halblaut:
- "Herzlich willkommen zuhause."
Mein Gefühl ähnelte einem Orgasmus, nur von längerer Dauer. An der Eingangstür hing ein altes weißes Schild mit blauer Aufschrift aus der Zeit der Unfallfolgenbeseitigung: "Achtung! Diese Ortschaft wird von der Miliz der Stadt Pripjat bewacht. Die Wache befindet sich in der Rote Berg Strasse Nr.2." Irgendeiner von den Samohodi (so nennt man die Stalker im Volksmund) muss das Ding hierhergeschleppt und an der Eingangstür angebracht haben. Im Inneren war es sauber und sehr gemütlich eingerichtet: mehrere Betten, ein Tisch, ein paar Bänke, Stühle und Schränke, komplettes Kücheninventar und ein großer gemauerter Ofen waren mehr als man sich nach dem höllischen Trip durch den eingefrorenen Wald vorstellen konnte. Kurzer Hand machte man den Ofen an, nahm ein paar kräftige Schlucke aus der Wodkapulle und fiel tot um. Wortwörtlich tot.

Der Morgen danach

Als ich zu mir kam war es schon hell. Der Rest der Truppe schlief noch, oder tat nur so. Trotz eines recht hochwertigen Schlafsacks, dessen Temperaturbereich mit bis minus 10 angegeben war, spürte ich unterhalb der Knie kein Gefühl mehr in den Beinen. Dabei hatte ich recht dicke Socken und gute Wanderschuhe an. Ich blieb noch eine Weile liegen, weil ich erst dachte, dass es ohne den Schlafsack noch kälter werden würde. Es war ein Trugschluss. Die Rettung hieß Holz sammeln und dabei die Füße warmtreten. Ich ging nach draußen, als die Sonne schon hoch über dem Horizont stand. Die Kulisse war einfach unfassbar: Alles, vom kleinsten Grashalm, über Äste und umgefallenen Bäume, war mit einer dünnen Eisschicht bedeckt und mit Schnee überpudert. Die Sonnenstrahlen verwandelten das über alles gefrorene Wasser zur einer bunten Kristallwüste, schön und lebensfeindlich zugleich. Es war windstill, sonnig und verdammt frostig, so dass man bereits nach wenigen Minuten ohne Handschuhe kein Gefühl mehr in den Fingern hatte. Dabei darf man bei der Beschreibung dieses gewisse etwas nicht vergessen - dieses spezielle Gewürz, den Zauber der Zone, die Prise der Verlassenheit, wie auch immer man es nennen will und damit meine ich ganz bestimmt nicht die Strahlung...
Ich nahm das Ganze eine Weile mit meiner GoPro auf, bis die Hände vor Kälte zu zittern begannen und das Filmen unmöglich wurde. Trotz allen Frierens in der Welt - für diesen Anblick hätte es sich gelohnt selbst ans Ende der Welt zu gehen..

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Ich kehrte zurück ins Haus und läutete mit einem munteren "Aufstehen! " den letzten Tag des Jahres 2015 ein.. Als erstes wurde der Ofen mit tiefgefrorenen Zaunlatten gefüllt und auf Betriebstemperatur gebracht. Die Bude wurde halbwegs warm, so dass man wenigstens die Jacken ausziehen konnte. Unsere bis dahin einzige weibliche Begleitung, namens Natalie, begann den Inhalt der Rucksäcke im Küchenschrank zu verstauen. Es war wirklich mehr als genug da, sogar mehr als man auf manchen Festtagstischen in der Zivilisation vorfinden würde. Nach einem kompakten Frühstück machte ich mich auf den Weg die Gegend um unser Haus zu erkunden. In der unmittelbaren Nähe befand sich ein kleines Lebensmittelgeschäft dessen Lagerraum mit alten Holzkisten überfüllt war. Diese hatten wir später zu Unmengen im Ofen verfeuert. In dem Kulturhaus daneben fand ich ein großen Plakat des kommunistischen Anführers Wladimir Lenin. Ich nahm es mit und befestigte ihn stolz mit gebrauchten Pflastern an der Tür unseren Wohnzimmers. Er schaute auf uns mit diesem unglaublich lebendigen, durchdringenden und zukunftsweisenden Blick, ähnlich dem der Mona Lisa, der Blick, vor dem man sich kaum verstecken kann. Oleg kam rein und hieß uns rauszugehen - er hätte Kratzspuren eines Luchs' in einem Nachbarhaus entdeckt. Tatsächlich, das Tier hatte beim Aufsteigen zum Dachboden tiefe Kratzer an der Wand hinterlassen. Das Haus wurde kurzer Hand "Luchsbau" getauft. Es dämmerte. Bei Kerzenschein bereiteten wir uns auf Sylvester vor. Arthur und Wowa besorgten aus dem Wald einen Tannenbaum und schmückten diesen fantasievoll mit allem was man so im Haus fand. Zu meinem Erstaunen holte Arthur eine selbstgebaute Lichterkette und einen Stern aus dem Rucksack. Mehr ging nicht. Jedenfalls nicht in dieser abgelegenen Einöde am Rande der menschlichen Zivilisation.. Doch weit gefehlt, als nächstes holte er mehrere Weihnachtsmützen und eine Flasche rosafarbenen Sekts..

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Die Kratzspuren des Luchs

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Die Silvesterfeier

Der Tisch war so im Überfluss gedeckt dass ein Teil der Speisen auf die Fensterbank gestellt werden musste. Ein altes Tongefäß, nach ukrainischer Tradition, gefüllt mit Kartoffeln und Speck brutzelte im Ofen. Die Powerbank sorgte für die Tannenbaumbeleuchtung und Musik, der Alkohol für die passende Stimmung und nur Onkel Lenin an der Wand ließ sich durch nichts beirren und schaute schweigend mit unverändertem Blick auf das bunte Treiben mitten im Nirgendswo. Es blieben nur wenige Stunden bis zum Jahreswechsel. Nach einem Telefonat verkündete Oleg, dass sich morgen drei weitere Personen anschließen würden. Platz wäre auf jeden Fall genug für alle da. Danach trug er uns mit künstlich aufgesetzten theatralischen Gesten ein echtes Stalker Gedicht vor. Darin ging es um weite Wege, schwere Rucksäcke, schmerzhafte Blasen an den Füßen, Badewannen voller Wodka und Säcke voller Gras und noch einen Haufen sinnloser Wörter, die sich halbwegs aufeinander reimen ließen. Es war ein wirklich schwacher literarischer Vortrag, der aber trotzdem alle in Stimmung brachte. Arthur holte die Sektflasche, verteilte die Wunderkerzen und fing an die Sekunden rückwärts zu zählen.. Man sagt, dass so wie man in das neue Jahr reinkommt, so wird es dann auch werden. Wir gaben uns wirklich Mühe, so gut wie nur unter diesen Umständen möglich, ins neue Jahr 2016 rein zu kommen. Und wenn ich jetzt auf das Jahr zurückblicke kann ich nur behaupten, dass es sich bewahrheitet hat. Manchmal ist es eben nötig alles Alte niederzubrennen und wie der Phönix neu aus der Asche aufzustehen. Die Flasche spuckte laut den Korken an die Decke, wir stießen mit einem merkwürdig rosa-farbenden Sekt an und wünschten uns gegenseitig nur das Beste für 2016. Es war fast schon dekadent für den sonst so rauen Alltag eines illegalen Zonengängers - während mehrere Stalker Gruppen irgendwo in den eiskalten, fensterlosen Wohnungen in Pripjat dabei waren sich den Kältetod zu holen, feierten wir mit allem was das Herz begehrt in völliger Sicherheit vor Bullen in einer gemütlich warmen Bude irgendwo mitten im Nirgendswo. Diese Vorstellung gefiel mir richtig gut. Nach einem ausgiebigen Festtagsessen ging es mit einer Flasche Wodka nach draußen. Oleg holte irgendwo ein paar Böller her, schrie laut "Allah Akbar" und zündete diese nacheinander an.
- "Das ist eben das Geile an Bowysche", sagte er: - "Hier kannst du ruhig einen Nuklearsprengsatz zünden und niemand würde es jemals mitkriegen!"
Wir gingen wieder rein, hievten ein dicken Zaunpfahl in den Ofen und legten noch eine Runde Selbstgebrannten nach. Danach wünschten alle dem "Anführer aller Proletarier weltweit" eine Gute Nacht und gingen schlafen...

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1. Januar. Ein neuer Tag


Ich wurde mit den ersten Lichtstrahlen wach und ging sofort nach draußen um den Sonnenaufgang aufzunehmen. Es war mal wieder unglaublich schön und kalt. Ich legte mich komplett in den Schnee und filmte die ersten Sonnenstrahlen, die über den Waldrand auf die verschneite Lichtung fielen. Es wurde wieder schmerzhaft kalt an den Fingern und ich ging rein.

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Die Mannschaft kam langsam in Bewegung. Das mitgebrachte Wasser reichte nicht mehr um für alle Kaffee zu kochen, was bei dem vielen Schnee draußen überhaupt kein Problem darstellte. Ich nahm eine große Blechschüssel und ging nach draußen zum Stahl. Das gewellte Dach bot eine perfekte Möglichkeit den Schnee einzusammeln ohne ihn zu berühren. Ich erinnerte mich plötzlich an die Worte eines alten Sowjetrockliedes: " Es ist ein seltsamer Platz, die Kamtschatka.." Später sagte irgendwer, dass das die alten Dachplatten Asbest enthielten. Naja, hoffentlich hatte unser Filter gute Dienste geleistet... Nach dem Frühstück beschlossen wir in das Dorf Tolstiy Les (ukr. Dicker Wald) zu spazieren. Nicht weit vom Dorf befand sich eine Eisenbahnstation, die wir ebenfalls besichtigen wollten. Wowa blieb freiwillig zuhause um seinen Blasen an den Füßen Zeit zu geben. Als kleinen Trost goss ich ihm einen Schnaps ein, ließ Schmerzsalbe und Pflaster da und ging raus. Auf halbem Weg befand sich ein alter verlassener Kontrollpunkt wo die Militärwache zu Zeiten der Katastrophe ihre Schichten geschoben hat. Ein 2 mal 2 Meter großer Betonklotz mit einer Stahltür und einem Fenster aus dickem gelbem Bleiglas zeugte davon wie hoch hier einst die Strahlung gewesen sein muss.


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Nach einigen Kilometern Spaziergangs durch den winterlichen Wald erreichten wir die ersten Häuser des Dorfes und später die Station. Diese bestand aus einem größeren Hauptgebäude mit zwei großen Öfen und einem weiteren Haus in dem die Schaltanlage für die Gleise installiert war.

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Hier fanden wir eine Petroleumlampe in Form eines Metallkastens in dessen Wände Löcher gebohrt waren, die auf der einen Seite einen Totenkopf mit Knochen bildeten auf der anderen das Wort "kontaminiert" darstellten. Langsam dämmerte es. Wir nahmen die Lampe mit, installierten in das Innere eine LED Leuchte und machten uns damit auf den Weg zurück..

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Wowa hatte seinen Job während unserer Abwesenheit gut gemacht - in der Hütte war es bullenheiß. Die anderen drei, die laut Oleg heute Abend zu uns kommen würden, hätten soeben die Brücke passiert, hieß es nach einem Telefonat. Eigentlich hatten wir vor auf sie zu warten, doch die Hitze des Ofens und der gute Selbstgebrannte zeigten ziemlich schnell ihre Wirkung. Mitten in der Nacht ging die Tür auf. Drei verschneite Gestalten stürzten mit lautem Gebrüll in die warme Stube hinein. Einer von Ihnen war ungewöhnlich leicht bekleidet und sichtlich am frieren. Alle umarmten sich, ich stellte mich auch kurz vor. Juri, der halberfrorene, begann hastig zu erzählen:
- "Die Grenzsoldaten haben meinen Rucksack geklaut! Mit allem drin, Portemonnaie, warme Klamotten, Alles! Die Schweine feiern jetzt wahrscheinlich irgendwo gemütlich und saufen dabei meinen 12Jährigen Cognac!"
Er erzählte weiter wie sie zu dritt an der Brücke ankamen und er als erster alleine rüber gegangen war um aufzuklären. Er wollte fast schon die anderen rufen als plötzlich die Lichter eines Autos angingen und sich näherten. Er warf den schweren Rucksack ins Gebüsch und lief zum Fluss hinunter um sich hinter den Bäumen zu verstecken. Aus dem Auto stiegen zwei Gestalten und suchten nach ihm mit Taschenlampen. Der eine fand den Rucksack und rief ein lautes "Danke" in die Dunkelheit. Dann fuhr das Auto davon. Eine Weile später kamen Julia und Igor über die Brücke und machten sich mit Juri ohne Rucksack auf den Weg nach Bowysche.
- "Bittere Story...", sagte ich zu Juri. "Meinen Respekt, dass du dich trotzdem entschieden hast ohne gar nichts hierher zu kommen!"
Danach tranken wir noch eine Runde, packten einen dicken eisgefrorenen Zaunpfahl in den Ofen und gingen wieder schlafen. Julia bekam ein letztes freies Bett, Igor legte sich zu Wowa, Juri nahm sich einen kaputten Schlafsack der von der letzten Tour hier geblieben war und legte sich direkt vor dem Ofen auf den Boden.


Der 2. Januar

Ich bin kein Langschläfer und so wachte ich auch diesen Morgen als erster auf, als es draußen noch dunkel war. Die Versuche wieder einzuschlafen blieben erfolglos, so lag ich im Bett und hörte dem Knistern des Ofens zu, der immer noch an dem dicken Zaunpfahl zu knabbern hatte. Die Vorstellung irgendwo weit weg von der Zivilisation, hinter den Stacheldrahtzäunen, unpassierbaren Eiswüsten und nimmer endenden Wäldern in einer warmen Stube im Schlafsack zu liegen, gab mir nach allen Strapazen der letzten Jahre meines Lebens ein unglaubliches Gefühl der Geborgenheit, dass ich so intensiv schon lange nicht mehr verspürt hatte. So lag ich da und genoss jeden Augenblick dieser Zeit, oder besser gesagt der Zeitlosigkeit, bis die ersten Anzeichen des Morgengrauens langsam aber sicher den neuen Tag ankündeten. Plötzlich verwandelte sich das leise Knistern aus dem Ofen in einen stumpfen Knall, als ob etwas schweres zischend auf den Boden fiel. Ich stand instinktiv senkrecht im Bett und sah wenige Zentimeter neben Juris Kopf einen glühenden Klumpen in der Größe eines Fußballs. Ich schrie laut etwas undefinierbares, sprang vom Bett und zog, den immer noch friedlich schlafenden, Juri ein Stück von Ofen weg. Alle waren sofort wach. Ich schnappte nach der Ofengabel und legte die dicke Glut zurück in den Ofen. Der Ofen war von innen weiß vor Hitze. Juri brabbelte etwas im Halbschlaf vor sich hin und guckte mich verstört an, als ob ich ihm etwas schuldete. Ich sagte nur:
- "Guten Morgen, mein Lieber! Steh auf, nicht das du heute deinen zweiten Geburtstag verpennst!" Ein paar Zentimeter weiter und.. ich will es mir gar nicht vorstellen.. Der Tag begann wieder mit der gleichen Prozedur des Schneesammelns. Beim Anblick des Hauses fiel mir etwas seltsames auf: Der Rauch zog nicht nur aus dem Schornstein, sondern auch durch die Lücken zwischen den Dachblechen hoch. Ich berichtete den Jungs davon und gab einen Rat das Ding bei Gelegenheit auf undichte Stellen zu prüfen und eventuell zu reinigen. Das Wetter stimmte wieder alle auf einen Spaziergang durch die winterliche Zone ein.

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Diesmal wollten wir nach Lubjanka. Im Dorf gab es sogar einen einzigen Bewohner - der Selbstsiedler, wie man die nach der Katastrophe zurückgekehrten Bewohner nennt, war ein alter Opa, der keinen Spaß verstand und bei jeder Begegnung mit den Stalkern im besten Fall die Bullen holen würde. Im schlechtesten..., sein Doppellaufgewehr! Die vereiste Landschaft in der prallen Sonne verwunderte mich jedes Mal aufs Neue. Völlig egal wo ich das Objektiv meiner Kamera draufhielt, jeder Schuss war ein Volltreffer. Oleg fand irgendwo ein paar alte Skier ohne Stöcke. Als Ersatz für die Stöcke wurden kurzer Hand zwei uralte Ofengabeln aus einem der Häuser organisiert.

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Die Stimmung war passend zum Wetter und der mitgenommene Jägermeister verlieh allem noch etwas mehr Kontrast. Irgendwann verloren sich alle aus den Augen. In einem der Häuser fand ich ziemlich gut erhaltenes Inventar - hier hat scheinbar vor kurzem noch ein Selbstsiedler gelebt. An der Wand hing ein Kalender, datiert auf das Jahr 2007. Ich schaute mir einen ganzen Stapel alter Briefe und Ansichtskarten an, als irgendwo, nicht weit entfernt, eine Fensterscheibe laut zu Bruch ging und direkt im Anschluss eine zweite und danach wieder eine. Ich ging hinaus und folgte der Richtung aus der die Geräusche kamen. Es war Arthur. Mit der Ofengabel bewaffnet, zerschlug er nach und nach alle Scheiben eines Hauses. "Geht´s noch?" fragte ich ihn allen Ernstes. "Man hört das kilometerweit! Und vor allem wozu das Ganze, ist dir etwa langweilig?" Er antwortete mit bedrückter Stimme: "Wo sonst, außer hier auf der Müllhalde, kann man das machen ohne Ärger zu bekommen!?" und zerschlug direkt die nächste Scheibe. Ich griff nach der Ofengabel und nahm sie ihm weg. Dann holte ich die halbleere Colaflasche mit Jägermeister und hielt sie ihm vors Gesicht:
- "Komm mal runter man, verstehe gerade nicht was das soll...!"
Er trank mehrere große Schlücke und fiel mit dem Gesicht voran auf das alte verstaubte Sofa. Ich beobachtete ihn eine Weile und ging raus. Die Straße runter fand ich den Rest der Truppe. Ich schlug vor zu Arthur zurückzukehren. Als wir dorthin zurückkamen, lag er immer noch mit dem Gesicht nach unten auf dem Sofa.

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- "Ich glaub, der ist fertig mit der Welt.", sagte ich und holte Tassen und Gaskocher raus um Tee zu kochen. Eine Weile später, als wir mit Tee trinken fertig waren, kam Arthur zu sich und wir machten uns auf den Weg nach Hause. Angekommen, setzten wir die Feier in der gleichen Manier fort. Irgendwann abends erzählte mir Arthur was mit ihm los war. Es ging um Julia. Er lief ihr schon seit Jahren hinterher und sie ließ ihn jedes Mal kalt abblitzen. Noch schlimmer - anstatt mit ihm mitzukommen, entschloss sie sich mit Juri in die Zone zu gehen, einem seiner besten Kumpels. Ich tröstete ihn, goss immer wieder neue Runden ein und erzählte von meinen Erfahrungen die ähnlich waren. Ich müsste lügen um zu erzählen wie dieser Abend ausgegangen war. An der Stelle kommt jetzt einfach mal ein Filmriss..
Zuletzt geändert von Onkel Fritz am Do 29. Dez 2016, 11:57, insgesamt 5-mal geändert.
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Onkel Fritz

Leicht Verstrahlter
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Beiträge: 8

Registriert: So 25. Dez 2016, 13:37

Beitrag Mi 28. Dez 2016, 22:19

Re: Frohes Neues aus der Zone (Sylvester 2016)

Teil 2

Der 3. Januar - Tolstiy Les


Der Alkoholkonsum des vorigen Abends machte sich am Morgen danach bei allen bemerkbar. Wir lagen alle in unseren Betten und unterhielten uns. Und wie es meistens in solchen Situationen kommt, ging es darum was einem auf der Seele lag. Irgendwann ging es um den Konflikt in der Ostukraine. Julia behauptete, dass das berühmt-berüchtigte ukrainische Freiwilligenbataillon "Asow" in den russischen Medien fälschlicherweise als Nazitrupp beschimpft und in den ukrainischen als Stolz der Nation gefeiert wird.
- "Aber das mit den Nazis bei Asow ist doch für niemanden ein Geheimnis!", erwiderte ich.
- "Brauchst doch nur nach den Fotos googeln, dann siehst du schon an den Tattoos was das für Burschen sind! Die Frage, die sich stellt ist, warum sollte der Staat denen verbieten in den Krieg zu ziehen? Dafür kann man den Staat nicht belangen, solange die sich nicht straffällig machen."
Ich erinnerte mich plötzlich an den gestrigen Tag, als mir Oleg erzählt hatte, dass Igor, der uns gerade zuhörte, mit seinen zarten 22 Jahren zur Armee eingezogen wurde und von den Separatisten nahe Donezk in Gefangenschaft genommen wurde. Dann beendete ich das Thema. Wir lagen da und quatschten noch eine Weile irgendein belangloses Zeug, danach stand ich auf und ging raus um Schnee zu sammeln. Es war das gleiche fantastische Wetter wie schon die ganzen Tage unseres illegalen Aufenthalts in der Zone.

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Im Laufe des Vormittags einigten wir uns diesmal alle zusammen nach Tolstiy Les zu gehen, dieses Mal in das Dorf selbst. Man hatte das Gefühl, als ob die Temperaturen noch tiefer gerutscht waren. Die einzige Rettung vor der Kälte war Bewegung. Das alles trotz der dicken Jägerklamotten, die ich mir auf Verdacht vorher in Deutschland gekauft hatte. Wie es Juri in seiner dünnen Jeans und leichten Jacke aushielt, war für mich ein Rätsel. Das Dorf ähnelte den meisten Dörfern in der Zone und bot seinen Besuchern außer einer Schule und der Eisenbahnstation nichts wirklich besonderes. Ein Teil der Gruppe ging zur Schule und wir mit Oleg und Igor zusammen zu einem zweistöckigen Ziegelsteinhaus, dass einsam zwischen den anderen, für die Polessje Region, typischen Holzhäusern stand. Wir richteten uns in der oberen Etage einen Tisch mit Stühlen her um etwas heißes zu Trinken zu machen. Innerhalb weniger Minuten war es so kalt geworden, dass wir uns kurzer Hand entschlossenen hatten ein Lagerfeuer auf dem Balkon zu machen. In der oberen Etage fand ich im Kinderzimmer mehrere Schulhefte, die ich zum anzünden verwenden wollte. Als ich ein Schreibheft aus der ersten Klasse aufmachte, traf es mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Zufällig öffnete ich das Heft genau auf der Seite wo die Schreibweise des Buchstabens "D" geübt werden sollte. Hier waren Beispiele russischer Wörter mit dem Buchstaben "D" angegeben: Druschba (Freundschaft), Dnjepr (größter ukrainischer Fluss) und Donbass... Über den Zeilen stand der Satz: "Die Freundschaft der mächtigen russischen und ukrainischen Völker wird in alle Ewigkeit bestehen!". Igor, der zwei Monate in der Gefangenschaft der prorussischen Separatisten verbracht hatte und für mehrere Tausend Dollar freigekauft wurde, schaute mir schweigend über die Schulter.

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Das Lagerfeuer brachte nicht den erwarteten Effekt, dafür gab es hier oben sogar Internetempfang. Laut Wetterbericht waren es hier gerade mal -21 Grad. Kurze Zeit später kam der Rest der Truppe zu uns hoch. Die Gasflasche, die Oleg die ganze Zeit am Körper gewärmt hatte, spuckte endlich Flammen und wir bereiteten für alle heißen Tee. Im Anschluss ging ich allein zu der Schule und filmte dort eine Weile. Der Zustand dort war typisch für die Dörfer dieses Teils der Zone - wenig Erhalt, dafür viel Verkommenes oder Zerstörtes. Es war schon dunkel als wir zurückkehrten.

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Das Abendprogramm war ähnlich dem der letzten Tage - ein warmes Essen aus dem Ofen, dazu ein paar Runden Schnaps und unendliche Geschichten früherer Ausflüge, wovon einige der Jungs schon zig mitgemacht hatten. Am nächsten Tag planten wir über Buryakiwka nach Pripjat zu gehen. In Buryakiwka gibt es einen großen Abstellplatz für kontaminierte Technik, aber man muss bereits vor 6 Uhr morgens vor Ort sein bevor die Arbeitsschicht anfängt um nicht erwischt zu werden. Die über 30 Kilometer lange Strecke bis nach Pripjat ist bei solchen Wetterbedingungen kein Leckerbissen, daher gingen alle relativ früh ins Bett.


4. Januar. Auf zur Geisterstadt.


Der Wecker klingelte um halb vier früh am Morgen. Natalie und Julia machten sich als erstes an den Gaskocher und füllten alle verfügbaren Thermoskannen mit heißen Getränken und Glühwein. Das Gas würde sonst unterwegs soweit abkühlen, dass man es ohne langes Aufwärmen nicht mehr entzündet bekäme. Der Rest der Truppe blieb solange in ihren Betten liegen. Es war eindeutig zu früh und langsam war die Müdigkeit nach all den Abenteuern deutlich in den Knochen zu spüren. Nach dem Aufkochen stellte man fest, dass man für den größten Teils des Glühweins gar keine Thermoskannen mehr hatte, so beschlossen die beiden Frauen es einfach auszutrinken. Der Tag begann exakt so wie der vorherige zu Ende gegangen war. Nun ging es ans Rucksäcke packen, denn schließlich sollte der Ausflug nach Pripjat mindestens zwei Tage dauern. Das allgemeine Chaos verstärkte die Wirkung des Glühweins und so stellten wir irgendwann fest, dass es für Buryakiwka bereits zu spät wäre. Wir würden es vor Beginn der Frühschicht einfach nicht mehr dorthin schaffen. Es würde dann auch keinen Sinn mehr machen noch im Dunkeln aufzubrechen und im Hellen in der Stadt anzukommen, was einfach zu gefährlich in Bezug auf die Gesetzeshüter wäre. Um die Entscheidung endgültig dingfest zu machen sagte noch irgendjemand, dass um die Uhrzeit die Braunbären während des Winterschlafs wohl am hellhörigsten sind. Die Sache war gegessen: Ich, Juri und die beiden Frauen stimmten für die Fortsetzung des morgendlichen Besäufnisses, die restlichen Jungs krochen wieder in ihre Betten. Wir spielten zu viert irgendein Kartenspiel dessen Regeln ich bis heute nicht kapiert habe und kippten uns weiter den mittlerweile abgekühlten Glühwein hinein. Stunden später beschlossen wir aufgrund des Alkoholpegels sofort aufzubrechen. Zu zweit holten wir noch einen dicken Zaunpfahl hinein, hievten den in den Ofen und versperrten die Tür damit sich in unserer Abwesenheit niemand an die Vorräte macht. Nach einer Stunde bitteren Kampfes mit dem vereisten Gestrüpp im Wald kamen wir auf eine Lichtung zu. Die rötliche Sonne zeigte sich über dem Waldesrand und ließ die ganze Schönheit der winterlichen Zonenlandschaft in einem zauberhaften Rosa erstrahlen.

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Unsere Gesichter ähnelten der eingefrorenen Umgebung - die komplette Gesichtsbehaarung war weiß vor Frost. Nach einigen Fotos gingen wir weiter Richtung Eisenbahn - der größte Teil der Strecke nach Pripjat erstreckte sich an alten verlassenen Bahnschienen entlang. Es gibt auch Straßen die dorthin führen, jedoch ist das Risiko tagsüber mit einer großen Gruppe erwischt zu werden viel zu hoch. Als wir die Schienen erreichten, staunte ich in welchem Zustand die sich befanden - meterhohe Tannenbäume wuchsen mitten zwischen den Schwellen und machten den Weg viel schwieriger als anfangs gedacht. Der Kampf mit verschneiten Tannenbäumen hielt über 20 Kilometer lang. Immer die gleiche Schrittlänge von einer Schwelle zur anderen machte diesen Spaziergang nicht sonderlich abwechslungsreich.

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Oleg meinte, dass er im Sommer aus Langeweile die Schwellen gezählt hat. Es waren wohl insgesamt um die 30 000 bis nach Pripjat. Ich schlug ihm vor beim nächsten Mal die Tannenbäume zu zählen. Wo zum Teufel gehen wir eigentlich hin? Die Monotonie der Gangart ließ genug Raum für Zweifel an unserem verrückten Vorhaben. Beim Anblick der zugefrorenen Umgebung und der Vorstellung, wie es bei den Temperaturen in einer der fensterlosen Wohnungen in der Stadt sein wird, kam mir unser Vorhaben wie Selbstmord vor. Es war bereits früher Abend als wir die Lichter des AKW von einem Bahnübergang nahe Pripjat sahen. Zu meiner Erleichterung wollte Juri mit Arthur einen transportablen Ofen von den Metallarbeitern in Janow organisieren, den hätten sie dort seit der letzten Wintersaison stehen gelassen. Janow ist eine ehemalige Siedlung ein paar Kilometer von Pripjat entfernt. Fast alle Häuser wurden wegen der hohen Strahlung abgerissen, alles was blieb war die Bahnstation, die man nach dem Unfall zum Anliefern verschiedener Güter für den Bau des Sarkophags nutzte. Mittlerweile ist Janow zum Umschlagplatz der sogenannten "Metallisten" geworden, Arbeiter die sich mit dem halblegalen Abbau und Verwertung von Altmetall in der Zone beschäftigen. Meist sind es raue, ungebildete, oder gar kriminelle Burschen, die für einen Hungerlohn radioaktives Metall einsammeln. Die Begegnung mit solchen Kollegen kann unter Umständen sehr unangenehm enden. Wir teilten uns in drei Gruppen auf um nicht aufzufallen. Oleg und ich gingen in die Stadt um seinen Proviant aus einem Versteck zu holen. Igor und beide Frauen gingen direkt zu der Wohnung, wo wir alle übernachten sollten. Arthur und Juri gingen nach Janow um den Ofen zu organisieren. Der Treffpunkt war die oben besagte Wohnung, wo es angeblich heile Fenster und Betten gab. Wir warteten 10 Minuten bis alle weg waren und gingen dann Richtung westlicher Kontrollpunkt in Pripjat, der schon seit Jahren nicht mehr besetzt war. Beim Passieren des KP sah man bereits die dunklen Silhouetten der leeren Wohnblocks unter einem nächtlichen Himmel voller Sterne. Wir gingen schweigend entlang der verschneiten Straßen, blieben kurz stehen um nach Geräuschen zu horchen, schlichen uns durch die zugewucherten Hinterhöfe und nur das Knirschen des Schnees störte die stille Kulisse der wie in eine Narkose versetzten Stadt. Oleg blieb stehen und zeigte mit der Hand auf einen Neunstöcker. Wir waren da. Doch wir gingen erst zu einem gegenüber liegendem Wohnblock und machten dort absichtlich etliche Spuren in den Schnee um es den Bullen schwerer zu machen. Danach nahm er ein paar Tannenzweige und verwischte die Spuren hinter uns bis zum Neunstöcker. Er flüsterte mir ins Ohr draußen stehen zu bleiben und ging in das Treppenhaus. Ich machte mir eine Zigarette an und schaute minutenlang in den Sternenhimmel bis er wieder unten war. Danach versteckten wir unsere Rucksäcke im Keller des Neunstöckers, nahmen nur die Schlafsäcke und das Proviant mit und schlichen uns durch die Hinterhöfe bis zu einem anderen Wohnblock. Das gleiche Spiel mit den Spuren vor dem Eingang des Hauses wiederholte sich noch einmal und wir stiegen hoch in die siebte Etage. Als wir die Wohnung betraten fiel mir als erstes die vereiste Glasscheibe in der Tür zum Wohnzimmer auf. Jemand hatte auf die Eisschicht eine lachende Fratze mit spitzen Zähnen gekratzt. Gemütlich, dachte ich mir... Die Truppe war schon vollzählig. Die beiden Mädchen, in Schlafsäcke eingerollt, saßen umarmt auf dem Bett und zitterten. Die Jungs waren mit allen Mann am Ofen dran, wenn das überhaupt den Namen Ofen verdient hat. Es war lediglich ein Metallkasten mit zwei Öffnungen. In die eine Öffnung wurde ein Alu - Flexrohr als Abzug reingesteckt, die andere Öffnung sollte eigentlich als Tür dienen, nur die Tür fehlte. Die Jungs erzählten wie sie in Janow niemanden von den Metallisten angetroffen hatten und darauf versucht hätten in einen ihrer Bauwagen einzubrechen. Darauf kam der Metallisten Hund namens "Kefir" vorbei und gab erst Ruhe nach dem man ihm ein Stück Wurst genehmigt hatte. Erst in einem anderen Bauwagen fand man einen Ofen und schleppte diesen her. Entweder war die Tür von vorne rein nicht dabei, oder die Jungs hatten sie irgendwo unterwegs verloren. Wir bastelten kurzerhand das Flexrohr dran, schoben das andere Ende durch ein Loch in der Fensterscheibe nach draußen und versuchten aus den Möbelstücken der ehemaligen Bewohner Wärme zu erzeugen. Durch die fehlende Tür zog die Hälfte des Rauchs ins Zimmer, dabei wurde es selbst nach einer Stunde nicht bemerkenswert wärmer. Wir deckten den Tisch mit dem mitgebrachten Proviant. Oleg stellte fest, dass die Tüte mit dem Proviant aus dem Versteck gar nicht seine war. Irgendwer muss sich in der Silvesternacht dran bedient haben, da das Versteck unter seinen Stalkerkollegen wohl bekannt war. Alles mitgebrachte war tiefgefroren. Außer Wodka. Wir betranken uns aus purer Überzeugung diese Nacht so oder so nicht zu überleben. Später wurde der Tisch ins andere Zimmer gebracht und die Betten in Reihe aneinandergestellt um sich beim schlafen gegenseitig zu wärmen. Der Rauch im Zimmer war mittlerweile so dicht, dass man nur noch im Liegen etwas Luft bekam. Ich weiß nicht mehr wie und wann ich eingeschlafen war...

5.Januar
Pripjat im Eis

Ich hätte nicht gedacht, dass ich wieder aufwachen werde. Doch als ich es tat, war es zu meinem Erstaunen überhaupt nicht kalt. Rechts und links um mich schliefen noch Julia und Natalie und für einen Moment dachte ich - ok, ich bin trotz aller Sünden ins Paradies gekommen. Ich stand leise auf und ging in das Zimmer nebenan um eine Zigarette zu rauchen. Die Sonne zeigte sich schon etwas über dem Horizont. Die Stadt war komplett in Schnee gehüllt. Es war kaum zu fassen hier die Nacht verbracht zu haben... Oleg hatte im Zimmer daneben auf dem Sofa geschlafen und war total unterkühlt. Auf dem Nachttisch neben dem Sofa lag ein Teddybär mit einem völlig fertigen Gesichtsausdruck. Seine Augen waren verdreht und die leblose Zunge hing halb aus dem Hals. So müssten wir auch ausgesehen haben..


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Wir wärmten uns mit ein paar Runden Schnaps auf und gingen zu den anderen ins Wohnzimmer. Im Hellen sah man, dass die Wohnung häufiger von Stalkern zur Übernachtung genutzt wurde. Überall lagen mitgebrachte Artefakte aus der Sowjetzeit: alte Bücher, Zeitschriften, Propagandatafeln und sogar ein Blatt eines Abrisskalenders, datiert auf den Tag der Katastrophe, den 26. April 1986. In der Ecke stand eine Gitarre und erst jetzt fiel mir wieder ein das Oleg gestern Abend im Suff noch ein Konzert gab, mit Coverstücken von Nirvana und noch irgendetwas..

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Julia hatte sichtlich genug von den Abenteuern und dazu noch ständiges Nasenbluten von der Kälte. Sie verkündete allen, dass sie sich später am Kontrollpunkt der Wache ergeben würde. Eine provisorische Geldstrafe und ein Protokoll waren es ihr wert um schnell nach Hause zu kommen. Igor bekam eine SMS und musste am nächsten Tag zur Arbeit. Er entschloss sich mit ihr zu gehen. Auf meinen Vorschlag einen ausgiebigen Spaziergang durch die Stadt zu machen reagierte nur Oleg. Wir verabschiedeten uns von Igor und Julia und gingen raus. Wir kehrten zurück zu dem Neunstöcker, holten unsere Rucksäcke aus dem Keller und gingen in Olegs Geheimwohnung irgendwo in den oberen Stockwerken, weil er unbedingt dickere Socken anziehen musste. Eine von Hand gezeichneter Adler auf der Zimmertür mit der Aufschrift "Hard Rock - the US war machine" deutete auf den Musikgeschmack des ehemaligen Bewohners hin. En ziemlich ungewöhnlicher Fund für Pripjat und die damalige Zeit.


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Oleg holte irgendwo eine Wärmeflasche her und freute sich wie ein kleines Kind über Bonbons. Das Problem war nur, dass wir schon lange kein Wasser mehr hatten womit man die füllen konnte. Als ich ihm vorschlug Schnee sammeln zu gehen, stand er mit einem gehobenen Finger auf und kramte aus einem Versteck einen Tetrapack Ananassaft. Er schnitt die Verpackung auf, hackte die eingefrorene Masse in Stücke und kochte es auf. Anschließend füllte er die Wärmeflasche mit dem heißen Ananassaft, zog die Socken aus und packte sich die Flasche zwischen die Füße. In dieser Pose verweilte er wie ein Buddha bis die Flasche wieder kalt war. Nach dieser Wellnesskur war er wieder wie neugeboren und wir setzten unseren Spaziergang durch das eingefrorene Pripjat fort. Im Schnee sah man unzählige Menschenspuren. An Sylvester muss hier richtig was los gewesen sein.

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Ein Kumpel, der mich kurz nach Sylvester anrief, fragte besorgt, ob mit mir alles in Ordnung sei. Er hätte im Fernsehen gesehen, dass mehrere Leute während der Feierei in Pripjat festgenommen wurden. Am zentralen Platz gab es keine Stelle wo der Schnee unberührt geblieben war. Selbst auf dem Dach des Hotels war alles voller Spuren. Soweit ich weiß, ist die Zone während der Feiertage für Touristen geschlossen. Waren es dann alles illegale Besucher? Doch an diesem Morgen war die Stadt menschenleer.

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Wir gingen weiter zum Vergnügungspark und machten dort Fotos. Ich bin kein großer Freund von Selfies und Gruppenfotos vom Riesenrad oder Sarkophag. Es ist jedoch ein großer Unterschied, ob man bequem mit einem klimatisierten Bus anreist und kalte Getränke im Hotel in Tschernobyl serviert bekommt, oder ob man 4 Tage lang mit blutigen und abgefrorenen Füßen und einem 30 Kilo Rucksack durch die Eiswüste hierher latscht und dabei Wasser aus Schnee säuft. Bei der zweiten Variante erlaubte mir mein strapaziertes Gewissen auch mal ein Selfie vorm Riesenrad...


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Als ich Oleg vorm Riesenrad ablichtete, sprangen schreiend zwei Gestalten aus dem Gebüsch. Es waren Igor und Julia.
- "Ich dachte ihr wollt euch am Kontrollpunkt ergeben?!", fragte Oleg verwundert. Igor meinte, dass sie dort waren aber niemanden angetroffen hatten. Die Bude der Wächter wäre leer gewesen. Ich schlug Ihnen vor zum AKW zu laufen und sich da zu ergeben. Oleg hielt das für eine schlechte Idee, weil man es dort definitiv mit den Jungs von der Staatssicherheit zu tun bekäme. Igor meinte, dass sie es später am Kontrollpunkt noch einmal versuchen würden. Als wir die beiden abends anriefen, saßen die schon im Bus auf dem Weg nach Kiew. Wir hatten genug vom Stadtzentrum und bewegten uns in Richtung Sandplateau. Vor der Katastrophe sollte die Stadt ein neues Viertel bekommen. Ein großes Grundstück wurde bereits planiert und zum Bau der Häuser vorbereitet. Die Katastrophe durchkreuzte alle Pläne und so wurde dieses Areal zur Lagerstätte von all dem was die Welt nicht mehr brauchte. Hier landete das kontaminierte Hab und Gut der Bewohner, abgetragener Erdboden, usw.. So wurde aus dem einst 6. Stadtviertel eine Lagerstätte für radioaktiven Abfall namens "Sandplateau". Das riesige Schneefeld war mit verschiedensten Tierspuren überzogen. Etliche in den Boden gespickte Schilder warnten vor der erhöhten radioaktiven Strahlung.

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Später liefen wir zum Pier und bestaunten den eingefrorenen Altlauf des Flusses. Im Gegensatz zur warmen Jahreszeit hatte man jetzt die Möglichkeit über das Eis zum anderen Ufer zu gehen, was wir auch taten. In der Dämmerung gelang es mir wieder mal fantastische Bilder zu machen.

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Mit Anbruch der Dunkelheit war die Rückkehr nach Bowysche geplant, also gingen wir zurück zur Wohnung um nach dem Rest der Truppe zu schauen. Dem Qualm in der Wohnung nach, war der Ofen voll in Betrieb. Arthur und Juri waren sichtlich gut drauf, Natalie wärmte sich an dem Ofen, der eher wie eine Nebelmaschine aussah und Wowa saß sprachlos an der Wand. Er muss wohl am Abend davor genug geredet haben. Wir tranken noch ein paar Runden um uns für den Rückweg zu stärken, packten die Sachen, machten den Ofen aus und gingen raus in die Dunkelheit. Nachts kann man es durchaus riskieren sich auf der Straße zu bewegen. Man sieht die Autos meist eher als die Fahrer einen in der Dunkelheit erkennen können. Der Weg über die Straße zurück nach Bowysche war um einige Kilometer länger, was, verglichen mit der Vorstellung noch mal über die Eisenbahn zu gehen, niemandem etwas ausmachte.


Zurück nach Hause.


Wir verließen Pripjat in Richtung Fabrik "Jupiter" und erreichten irgendwann die Straße. Nach kurzer Zeit kam uns das erste Auto entgegen. Wir versteckten uns hinter den Bäumen am Straßenrand und gingen weiter. Alle waren ordentlich müde und wir hielten uns mit schlechten Witzen bei Laune. Im Eifer des Gefechts übersahen wir eine Linkskurve vor uns aus der passend in letzter Sekunde ein Bus entgegenkam. Alle rannten fluchend in verschiedene Richtungen. Er hat uns wortwörtlich kalt erwischt. Schwer zu sagen ob der Fahrer etwas gesehen hat, der Bus fuhr weiter ohne anzuhalten. Er kam vom AKW und brachte die Spätschicht zurück nach Tschernobyl. Wir kamen an die Kreuzung zum hiesigen Highway - so wird die kilometerweit gerade Straße nach Buryakiwka genannt, die von den Lastwagenfahrern oftmals als Rennstrecke benutzt wird um dorthin den radioaktiven Abfall vom AKW zu bringen. Ab hier merkte ich langsam, dass meine Füße nicht mehr lange mitmachen würden. Ich machte einen grundlegenden Fehler, als ich nach einem ganztägigen Spaziergang die feuchten Socken zu wechseln vergaß. Die Haut war bereits eingerissen und mit jeden Schritt tat es mehr und mehr weh. Beim Anblick Natalies entschlossener Gangart, die wie ein unermüdlicher Roboter vor mir lief, konnte ich es mir nicht erlauben schlapp zu machen. Ich trank ab und zu einen Schluck Wodka aus der Plastikflasche und musste irgendwann feststellen, dass Alkohol nicht mehr wirkte. Zumindest nicht so wie man es von ihm erwartet hätte. Ich war einfach mit allem durch - mit meinen Füßen, mit dem verdammten Rucksack, der sich wie ein Parasit seit Tagen an meinem Rücken festgesaugt hatte, mit dem Alkohol, mit dem Schnee und dem Frost und der ganzen verdammten Zone. Doch all das nützte mir nichts in dieser Situation und so ging ich einfach hinter Natalie weiter ohne dem Schmerz an den Füßen gedanklich zu folgen. Irgendwann hielt Arthur an und schaute auf sein Iphone:
- "Hier müssten wir links durch den Wald, so sparen wir mindestens 5 Kilometer. Markian war hier im Sommer langgelaufen als er das bestellte Bier bei dem LKW Fahrer geholt hat. Hier gibt es wohl einen Waldweg in Richtung Bowysche."
Wir bogen ab und kämpften uns circa einen Kilometer durch den Wald bis das meterhohe Gestrüpp völlig unpassierbar wurde.
-"Das kannst du vergessen!", sagte Juri zu Arthur
- "Wir müssen zurück zu der Straße! Durch dieses Gestrüpp kommt man höchstens 300 Meter in derStunde!"
Es klang wie ein Todesurteil. Wieder die ganze Strecke zurück und dann noch weiß Gott wie lange. Ich hatte kein Nerv mehr darauf. Doch das nützte nichts und nach einiger Zeit waren wir wieder auf dem Highway. Irgendwann kam die lang ersehnte Abzweigung zum Waldweg nach Bowysche. Es waren irgendwas bei drei bis vier Kilometer zum Haus. Das Licht der Kopflampe in Verbindung mit dem überall schimmerndem Schnee und Eis generierte wieder diese nervigen Halluzinationen in meinem ermüdeten Bewusstsein. Das monotone Knirschen des Schnees bildete eine Geräuschkulisse in der ich merkwürdige Tierlaute, aus dem Wald kommend, zu hören begann. Ich versuchte mir einzureden, dass mit jedem Schritt unser Ziel ein Stück näher kam. Später kippte die Stimmung trotz mittlerweile richtigen Schmerzen an den Füßen doch noch ins Positive. Wir fantasierten laut wie geil es spätestens in einer Stunde sein wird und womit wir unsere hungrigen Leiber vollstopfen würden, denn die Hütte war voller Leckereien, die wir dort vor dem Ausflug nach Pripjat ließen. Doch am meisten freute ich mich über den Ofen. Wie ich der heilenden Wärme meine kaputten und eingefrorenen Füße entgegenstrecken und dann, nach einigen Runden Schnaps, sanft und sorglos einschlafen würde. Ich fing an Arthur mit dem nervigen "wie weit ist es noch?" zu bombardieren. Als er dann endlich mit "300 Meter" rausrückte, blieb ich stehen und ließ die Truppe vorlaufen. Ich packte meine GoPro aus, suchte minutenlang nach einem halbwegs funktionierendem Akku die Taschen ab und fing an zu filmen. Ich kommentierte kurz die Ereignisse des heutigen Tages und das wir endlich kurz vor unserem Ziel wären. In der Ferne sah man schon irgendwelche Lichter: "Cool, die haben wohl die Lichterkette am Tannenbaum angemacht", dachte ich mir. Als ich näher kam, verwandelte sich die Lichterkette zu mehreren einzelnen rötlichen Stellen, ähnlich wie die Rücklichter vieler parkender Autos, was hier im Wald überhaupt keinen Sinn ergab. Meine Ohren erreichten einzelne Wortfetzen meiner Mitstreiter, nur mein Gehirn war nicht in der Lage etwas wie "Brand", oder "abgebrannt" in die momentane Situation einzuordnen. Als ich es dann sah, dachte ich erst es wäre ein Flashback, eine Fortsetzung der Halluzinationen aus dem Wald, was auch immer es war, nur nicht das was ich dort sah. Alles in der Welt nur nicht das. Bei genauerer Betrachtung aus der Nähe verwandelten sich die rötlichen Rücklichter der parkenden Autos in Glut, die zwischen den geschmolzenen Dachblechen und verbrannten Ziegelsteinen wie lebende Organismen waberte. Das Haus war abgebrannt. Es gab es nicht mehr. Keinen mit Lichterkette geschmückten Tannenbaum, kein Onkel Lenin an der Tür, kein warmes Essen, kein Bett und kein Ofen. Alles was blieb war ein fast erloschener Haufen Schutt, an dem man vielleicht noch eine Stunde die Hände wärmen konnte, kaputte Füße und eine unendliche eisgefrorene Landschaft, deren Schönheit sich auf einmal zur reellen Gefahr verwandelte. Das Unfassbare war geschehen, etwas das sich niemand nicht mal in dem allerschlimmsten Albtraum hätte vorstellen können war nun passiert. Die letzte Festung, unser Zuhause, das Ein und Alles, die einzige Oase inmitten dieser lebensfeindlichen Umgebung, das Ort wo wir vor kurzem noch sorglos und nichtsahnend das Neue Jahr eingeleitet hatten war mit allen guten Aussichten und dem kompletten Hab und Gut ab diesen Augenblick passe´. Wir standen ratlos noch eine Weile da und gewöhnten uns gedanklich an das Unfassbare. Oleg gab den Vorschlag nach Lubjanka in das Sommerhaus zu gehen. Doch dann fiel mir die Geschichte mit Arthur und den zerbrochenen Scheiben ein. "Macht keinen Sinn!" , sagte Arthur. "Ein Haus ohne Fenster können wir auch hier finden". Die beiden machten sich auf die Suche nach einer halbwegs bewohnbaren Unterkunft, wir blieben zu dritt mit Juri und Natalie in einem Stall nebenan. Natalie drückte Juri, dem die Unterkühlung im Gesicht geschrieben war, an sich um etwas Wärme zu spenden. Ich zog die Schuhe aus und betrachtete meine aufgeplatzten Füße. In Anbetracht der ganzen Situation überkam mich Hoffnungslosigkeit. Wir hatten zwei Fleischkonserven, etwas Brot, einen Liter Wodka, eine eingefrorene Literflasche Bier und eine Dose Red Bull, die ebenfalls eingefroren war. Das Gas war auch so gut wie aus. Am meisten fehlte jedoch der Plan. Ich verblieb noch eine Weile in den trüben Gedanken bis Oleg und Arthur wieder kamen. "Nichts brauchbares gefunden" - sagte Oleg. "Bleibt nur der Luchsbau", ergänzte Arthur - "Die Fenster sind zwar auch kaputt, aber ich hab noch ein paar blaue Müllsäcke, die können wir davor nageln." Das Haus mit den Kratzspuren des Luchses war nur ein paar Meter entfernt. Die Fensterscheiben waren kaputt, es war total zugemüllt und an einigen Stellen fehlte der Fußboden. Dafür hatte es einen Ofen. Oleg machte sich mit den blauen Säcken an die Fenster, Natalie fegte den Müll in die Löcher im Fussboden und legte irgendwelche Bretter drüber. Wir mit Juri inspizierten den Ofen und machten ein kleines Feuer um wenigstens einen Hauch von Wärme zu verspüren. Der Schnaps half uns die Geschehnisse dieser Nacht zu verarbeiten. Wir rätselten über die Ursache des Brandes. Soweit ich mich erinnern konnte, hatten wir den letzten Zaunpfahl komplett in den Ofen geschoben, so dass es eigentlich nicht mehr rausfallen konnte. Vielleicht war der undichte Schornstein die Ursache für den Brand. Was auch immer, jetzt machte es sowieso keinen Sinn mehr. Mittlerweile war es vier Uhr morgens und wir entschieden uns zu schlafen. Zu allem Unglück musste Juri feststellen, dass er seinen kaputten Schlafsack in Pripjat vergessen hatte. Er blieb einfach, mit der eingefrorenen Bierflasche in der Hand, am Ofen sitzen. Die Versuche ihn zu überzeugen sich zwischen uns zu legen blieben erfolglos.
"- Hab eh keinen Schlafsack..., mache lieber Feuer und passe dabei auf den Ofen auf", sagte er emotionslos.


6.Januar
Das böse Erwachen


Nach ein paar Stunden wurde ich wach vor Kälte. Juri döste vor einem winzigen Feuer im Ofen mit der eingefrorenen Bierflasche in der Hand. Ich nahm einen Schluck Schnaps und hielt ihm die Flasche vors Gesicht. Er machte die Augen auf, trank einen Schluck und machte mir Platz neben dem Ofen. So saßen wir eine Weile hoffnungslos schweigend nebeneinander und guckten ins Feuer.
- "Stell dir vor", sagte ich zu ihm,
- "wenn die uns hier packen würden, kämen wir wahrscheinlich nie wieder frei.. unerlaubtes Betreten einer Sperrzone, Brandstiftung.. Das der Wald nicht in Brand geraten ist.. die Hütte stand doch ganz dicht am Wald.. Der Schnee hat es wahrscheinlich verhindert, sonst..."
Mein Reden wurde von einem Geräusch unterbrochen das ich eine Weile nicht zuordnen konnte. Doch wenige Augenblicke später kam die nüchterne Erkenntnis wie ein Blitz am helllichten Tage - es war ein Hubschrauber. Das donnernde Geräusch der Tragflächen wurde immer lauter und blieb konstant irgendwo in der unmittelbaren Nähe unseren Hauses. Ich schaute mit Augen voller Panik Juri an. Er war ebenso sichtlich schockiert. Ich griff zur Kamera nahm die Speicherkarte raus und versteckte die unter dem Müll in der Ecke. Ich schrie laut irgendetwas mit "Bullen, aufstehen!" und rüttelte die friedlich schlafenden Kameraden wach.
- "Was sollen wir machen?" fragte ich Juri. Er wirkte verloren und antwortete nichts. Dann meldete sich Oleg zu Wort:
- "Bleib ruhig, lass mal einfach abwarten was passiert."
Ich holte die GoPro, entfernte die Karte und packte sie zu der anderen in die Ecke.
- "Verdammt, das ist eindeutig! In ein paar Metern glüht die abgefackelte Bude und bei uns kommt Rauch aus dem Schornstein, wir sind am Arsch..!" - schrie ich halblaut.. Das monotone Geräusch der Tragflächen begann sich zu verändern. Die Maschine entfernte sich erst langsam und flog in die gleiche Richtung aus der sie gekommen war davon. Wir schauten uns fragend an.
- "Sachen packen, abhauen!" verkündete ich bestimmend.
- "Viel zu früh...!", erwiderte Oleg.
- "Die Bullen packen uns 100% wenn wir im hellen an der Brücke ankommen."
- "Dann lass uns erstmal woanders hin!" - schlug ich vor, "Die haben ganz bestimmt gesehen, dass bei uns Rauch aus dem Schornstein kommt...!"
Wowa und Natalie kramten schon die Sachen zusammen.
- Dann wären die gelandet, auf der Lichtung ist Platz genug für eine ganze Einheit, - sagte Juri,
- "Lasst uns die paar Stunden bleiben und gegen Nachmittag ausrücken. Vielleicht waren es nur Förster, gesehen das das Feuer aus war und sind wieder abgehauen..!"
Das klang plausibel und beruhigte mich etwas. Wir packten trotzdem die Sachen zusammen und setzten uns um den Ofen.

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Danach teilten wir die letzten Vorräte miteinander, tranken ein paar Runden und gingen nach draußen um die Brandstelle im Hellen anzuschauen. Erst jetzt sah man das ganze Ausmaß des Geschehens: Mitten in der endlosen schneeweißen Winterlandschaft ein riesiger schwarzer Fleck. Nicht nur das Haus war abgebrannt, sondern auch der Stall nebenan, drum herum lagen Stücke von den gewellten Dachelementen. Ich erinnerte mich daran, dass wir als Kinder solche Wellplatten ins Feuer geschmissen haben. Das muss geknallt haben wie die Hölle, die Dinger explodieren regelrecht im Feuer. Anstelle des Hauses war da ein großer Haufen Ziegelsteine vom Ofen mit Dachblechen obendrauf. Unter den Dachblechen guckten die eingeschmolzenen Bügel unserer Betten hervor. Darauf lagen ein paar abgebrannte Tannenzweige.

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Der Stamm der alten Birke, die direkt neben dem Haus wuchs, war auf einer Höhe von 6 - 7 Metern einseitig verkohlt. "Schaut mal her!" - rief Oleg und zeigte auf etwas unter einem der verrußten Bleche. Unter einem der Betten stand fast unberührt die Petroleumlampe mit dem Totenkopf drauf, die wir von der Bahnstation mitgenommen hatten. Das war der einzige Gegenstand, der den Brand überlebt hatte. Alles andere war nur Schutt und Asche... Wir schauten uns noch eine Weile die immer noch glimmernden Reste unserer kuscheligen Unterkunft an. An einem der Obstbäume hing ein eingetrockneter Apfel, die eine Seite war verkohlt, oben drauf lag Schnee der mich an Schlagsahne oder Dessertsoße erinnerte..
- "Möchte einer vielleicht einen Bratapfel?" scherzte ich. "Brandapfel" wäre eigentlich die richtige Bezeichnung gewesen.

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Wir gingen zurück in den "Luchsbau". Als es draußen zu dämmern begann rückten wir aus. Schweren Herzens nahm ich Abschied von der Lichtung mit dem abgebrannten Haus. Es war mir klar, dass ich hierhin nie wieder zurückkommen werde. Es war der erste trübe Tag seit Beginn unseren Ausflugs - der Frost ließ etwas nach, der Himmel war grau, aus den Wolken fielen große Schneeflocken auf uns herunter.

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Als wir in Lubjanka ankamen war es schon komplett dunkel geworden. Wir machten Halt in einem der Häuser wo vor kurzem noch der vorletzte Bewohner des Dorfes gelebt hatte. Irgendwann stirbt auch der letzte und es kommt ganz bestimmt kein neuer dazu, wie in den meisten verlassenen Dörfern der Zone. Ich war der letzte in der Kolonne als wir Dibrowa passierten und drehte mich ständig nach hinten um, um nicht von einem Auto kalt erwischt zu werden. Beim nächsten umdrehen sah ich plötzlich Lichter, schrie laut "Auto!" und rannte zur Seite in den Wald hinein. Oleg lachte laut und rief mich zurück.
- "Sind doch nur Lichter vom Kontrollpunkt, komm runter...!" Eine Ewigkeit später kamen wir total erschöpft in Martynowitschi vor der besagten Brücke an. Oleg ging aufklären. Nach zehn Minuten erklang ein fröhliches "Kommt rüber, alles sicher hier!" aus dem Lautsprecher des Funkgeräts. Es waren die letzten Augenblicke unseres Abenteuers in der Zone. Ich machte die GoPro an und kommentierte im Dunkeln den Moment der Rückkehr zur "Großen Erde", wie die Stalker die Welt außerhalb der Zone nennen. Einerseits lockte langsam die süße Versuchung des Luxuslebens, dass man doch irgendwie zu vermissen begann, andererseits ließ der Ruf nach Abenteuern nicht nach und der Drang zur Abkehr von der Zivilisation, die man noch vor einigen Tagen so verdammt satt hatte. Dieses Thema beschäftigte mich noch einige Kilometer bis irgendwo am Ende der Dunkelheit die Lichter eines entgegenkommenden Autos sichtbar wurden. Es war unser Taxi. Oder doch die Bullen? Scheiß drauf, hier können die uns höchstens nur dumme Fragen stellen, wir sind raus..


Back in the Gasthaus

Es war unser Taxi. Arthur rief ein euphorisches "Ich gratuliere euch!" als es neben uns hielt. Alle umarmten sich, packten die Rucksäcke in den Kofferraum und stiegen ins warme Auto. Der Fahrer gab uns die bestellte Cola, die hastig, innerhalb weniger Augenblicke bis zum letzten Tropfen ausgesoffen wurde. Eine dreiviertel Stunde später waren wir auf dem Parkplatz des Gasthauses von wo der Trip vor mehr als einer Woche begann. Die Gäste schauten etwas verwirrt, als wie aus dem nichts sechs halberfrorene, ungepflegte, nach Rauch und sonstwas stinkende, aber glückliche Körper hineinfielen. Wir bestellten für jeden eine riesige Pizza und die größten Bierkrüge die es da gab, stießen aufs Überleben an und machten uns danach mit meinem Auto auf den Weg nach Kiew. Oleg lud mich zu sich zum Übernachten ein. Am nächsten Tag war ich pünktlich zur orthodoxen Weihnacht in meiner Heimatstadt Nischyn zurück..

PS: Man könnte meinen die verdammte Zone hätte mich losgelassen, wie auch einst den Roderic Schuchart aus der berühmten Erzählung "Picknick am Wegesrand" von den Brüdern Strugazki, jedoch irgendwas zwang mich dazu einen Jahr später die komplette Story noch einmal geistig zu durchleben und niederzuschreiben..


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Beitrag Do 29. Dez 2016, 12:02

Re: Frohes Neues aus der Zone (Silvester 2016)

Hallo

Es war ja wirklich ein tolles Abenteuer was du durchlebt hast und es ist schön geschrieben :D
Für mich wäre es ein Traum einmal die Zone in aller Ruhe zu durchstöbern. Jedes mal wenn ich dort bin nehme ich mir vor einmal alles langsam
zu machen und trotzdem verfällt man in Hektik damit man alles sieht was man auf den Plan hat.
Manchmal glaube ich das die Uhren in der Zone schneller ticken .Ob man 2 -3 oder 5 Tage in der Zone sein wird es ist jedes mal zu kurz aber alles
was Spaß macht verfliegt die Zeit gerade auch dann wenn man es nicht jeden Tag machen kann. Mein großes Problem bei einer illegalen Tour wäre wenn sie mich erwischen würden das ich der Sprache nicht groß mächtig bin und dann mich nicht Wort technisch wehren könnte und mit meinen Englisch Kenntnissen nicht weit in der Zone kommen würde (Außer mit den Guides) ;) Ich würde dann glaube ich den Frühling und den Herbst vorziehen auch wenn die Zone durch die Winterlandschaft ihre objektive Reize bietet. Es hat Spaß gemacht es zu lesen vielen Dank dafür :D
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STBONE

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Beitrag Do 29. Dez 2016, 12:14

Re: Frohes Neues aus der Zone (Silvester 2016)

Anhang

Hast du noch mehr solche Abenteuer also ich hätte Interesse daran :D

LG

STBONE
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Leicht Verstrahlter
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Beitrag Di 10. Jan 2017, 19:11

Re: Frohes Neues aus der Zone (Silvester 2016)

Vielen Dank für die lange geschichte.
War sehr interessant zu lesen.

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